Die Ameise

Ich liege auf dem Teppichboden, in hellblauer Jeans und schwarzem Rollkragenpulli und lese ein Buch, welches ich auf den Boden gelegt habe. Neben mir ist die gläserne Terassentür. Ich habe den Blick nach draußen. Meine Blicke schweifen ab und an gen Himmel. Die Wolken dort sind ganz zufällig gnädig und lassen die Sonnenstrahlen mal durch, um sie dann wieder zu kappen. Ich bin dieser Macht der Wolken ausgeliefert und freue mich über die Gnade im Himmelsspiel.

Neben mir ist die Kaffeetasse, die jetzt nur noch Spuren enthält von ihrer einmaligen Fülle und dem Genuss. Sie liegt vor mir, wie ein Relikt früherer Zeiten, an die man nicht erinnert werden will. Ich wünsche mir, dass sie verschwindet aber sie beugt sich nicht meinem Willen und steht da wie ein Berg in einer sonst flachen Landschaft, ganz unverrückbar.

Ich lese mit der verbleibenden Aufmerksamkeit im Buch weiter. Darin geht es um das Sein. Es liest sich bisher gut. Der statische Zustand meines Umfelds, ändert sich ab und an durch die Wärme der Sonnenstrahlen und die Schattenlänge der Objekte. Dann tritt eine betriebsame, goldbraune Ameise in mein Augenwinkel. Gesehen und ihre Präsenz zur Kenntnis genommen beschäftige ich mich weiter mit der Lektüre. Nach wenigen Zeilen merke ich wie die Ameise entlang des Buches sich hin und her bewegt. Noch ist meine Aufmerksamkeit am Buch. Für einen kleinen Moment will ich sie mir genauer anschauen. Sie ist am dicken, hinteren Teil gestreift und hat etwas leicht transparentes. Ich wende mich wieder den Zeilen zu und möchte auch nicht so schnell mich von der Ameise ablenken lassen, aber die Zeilen verlieren immer mehr an Anziehungskraft und die Ameise gewinnt immer mehr meine Neugierde. Mir fällt ein, dass ich versuchen kann das Gelesene auf die Ameise zu übertragen. Ich hätte dann mich zwar in der Entscheidung zwischen Buch und Ameise für das Letztere entschieden, den Erstgenannten hätte ich dennoch in das Geschehen mit einverwoben. Nachdem nun also die Entscheidung gefallen ist, wende ich mich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit auf das mikrige Wesen zu – so erschließt sich mir die Thematik der Lektüre bestimmt besser, denke ich mir.

Ich will dass sie auf mein Finger klettert und halte meine Hand vor ihr. Sie kommt ganz nah und fuchtelt mit ihren Antennen. Ein aufregender Augenblick. Ich frage mich wie das Kribbeln sich anfühlen wird, wenn sie auf dem Finger ist und ob sie mich beißen könnte.

Sie macht dann aber kehrt.

Ihr ist also nicht danach. Ich versuche es nach einem Augenblick erneut. Nein. Sie will nicht und ich kann sie nicht zwingen. Mein Wille scheitert heute ein wiederholtes Mal. Ich entschließe mich sie also aus der ferne weiter zu beobachten. Die Sonnenstrahlen kommen wieder durch und wärmen mich. Ich denke mir, dass ich die Ameise den ganzen Tag beobachten kann und in mir regt sich ein Gefühl der kindlichen Freude. Sie läuft ständig die lange Buchkante auf und ab und ich ziehe dabei parallelen zu meinem treiben und möchte die großen Fragen der Menschheit angehen. Ich wähne mich schnell in der voyeuristischen Gottperspektive. So spreche ich dann folgendes aus: „All deine Schritte kleine Ameise, die du in der Zukunft machen wirst, werden mir nicht entgehen. Ich sehe deine Zukunft und deine Handlungsmöglichkeiten, liebe kleine Ameise.“ Ich werde plötzlich nervös. Die Ameise läuft unter den dunklen  Buchrücken, bis auch ihr fetter Hinterteil verschwindet. Sie ist weg. Stille in meinem Kopf. Eine weile später kommt sie kopfvoran wieder raus. Erleichterung macht sich vorsichtig breit, aber ich spüre das alles jetzt etwas anders ist und nicht mehr wie davor.

Dann läuft die Ameise noch einmal auf und ab. An der unteren seite der Buchkante angekommen, verlässt sie plötzlich mein Beobachtungsfeld. Sie entfernt sich in die Weiten des Teppichs. Sie ist weg. Die Wolke kappt wieder und es wird abrupt kälter im Zimmer.

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