Darf es ein Glas cay sein?

Für Heute ist Besuch angesagt. An diesem kalten Freitagabend stehe ich vor der Haustüre. Ich sehe die vielen Schuhe und mich füllt eine kleine Nervosität aus. Ich versuche aus dem Blick auf die Schuhe, eine ganze Personenanalyse abzuleiten. Eines der Schuhpaare sind ältere Damenschuhe, die aussehen als wären sie ausgelatschte hybride zwischen Balerinas und Lackschuhen. Daneben liegt das männliche Pendant. Der erste Schluss: Heute ist Anatolien bei uns. Es sind wohl zwei ältere Leute bei uns zu Besuch und das bedeutet: schwarzer Tee, Börek und Diskussionen um das türkische Bermuda – Dreieck: Fußball, Politik und Geld. Die Weitere Sichtung des Bodens entbehrt ein weiteres Schuhpaar, Mädchenschuhe. Der in das schwärzeste Schwarz getunkte Schuh mit der zierlichen Fliege auf der Schuhnase und dem leichten Absatz, lässt mich auf ein Mädchen spekulieren, die eher zurückhaltend ist. Sie hat bestimmt langes, schönes Haar und einen anmutigen Blick. Ich greife in die rechte Hosentasche und meine Hände erdrücken die Luft darin und in der linken Hosentasche dieselbe grausame Tatsache. Der nächste Schluss lautet: Ich habe die überlegene Situation des Anpirschers in diesem Moment verloren, weil ich die Schlüssel nicht dabei habe. Dieser Schluss fordert folgerichtig mein Kommen durch die Klingel groß anzusagen. So sei es [brrrrrrt].Ich merke wie nervös ich auf einmal werde. So ein Schwachsinn, wieso werde ich jetzt nervös. Es ist doch absolut kein Grund vorhanden für meine Nervosität. Wieso liegt mein Gehirn so weit abseits des Geschehens und kann mir nicht den Gedanken offenbaren, warum ich jetzt einen solch hohen Puls habe. Meine Mutter öffnet die Tür. Sie hat ihre Sonntagskleider und wenn man das so sagen kann auch ihr Sonntagskopftuch an. Ich blinzle mit dem einen Auge und schüttle dabei mein Kopf hin und her und neige dabei meinen Kopf leicht zur Seite. Dieser spastisch anmutende Anblick ist im Haus der Code für „Rück Informationen raus“. Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob der Dekoder meiner Mutter dasselbe Chiffriersystem verwendet, wie ich sie verwende. Sie lässt die Anfrage mit einem „Augenbrauen in der Luft“ hängen und läuft in die Küche, um aus dem Caydanlik (die Teekanne), das schwarze Gold einer jeden anatolischen Familie in die grazil geformten Gläser fließen zu lassen. Mir drängt sich auch schon die Stimme der Frau aus dem Wohnzimmer ins Ohr. Ich stehe vor der geschlossenen Wohnungszimmertür und dieser Moment, mit dem festen Griff an der Zimmertüre fühlt sich an, als stünde ich vor meinem ersten Debütspiel, in dem Wartebereich, im ausverkauften Camp – Nou Stadion. Es vergeht ein Augenblick und der Befehl zum Laufen wird ausgerufen. Meine Mutter steht mit dem Teetablett und den goldverzierten Gläsern hinter mir, von ihr kommt die Aufforderung. Es ist so weit. Ich öffne die Tür und setze ein Schritt nach dem nächsten ab und werfe gleichzeitig auf jeden und jede einen Blick. Höflich wird die Begrüßungsgeste „Kopf neigen“ abgesetzt und das ganze mit einem akustischen „Willkommen“ untermalt. Während das Willkommen wieder echoartig an mich zurückschallt ziehe ich den Schluss, dass sie  hübsch ist. Wir blicken einander und plötzlich ist mir unangenehm und ich werfe meine Blicke diametral in die andere Richtung. Ihr müsst wissen, dass es sich nicht gehört ein Mädchen in Anwesenheit ihrer Eltern länger anzuschauen oder offenkundig den Kontakt zu suchen. So setze ich mich etwas abgelegen im Wohnzimmer auf ein Stuhl und lege meine Hand um mein Teeglas, der die Form einer Frau besitzt und lasse die Wärme Besitz von meiner Hand nehmen und spüre nach wie die Wärme durch mich hindurchfließt, in den Unterarm hoch, den Oberarm bis zur Brust hin. Die Gespräche der Erwachsenen verfließen sich in Nichtigkeiten und so schlägt schnell die Uhr auch die Abschiedsstunde. Was übrig bleibt von diesem Tag ist ein Duftgemisch aus Kölnisch Wasser und Zigaretten und der Gedanke an sie. Nach einer Weile ist mein Serotoninspiegel  wieder auf Normalniveau und ich widme mich jetzt ganz dem neu gefüllten Glas Tee und dem Börek, der so weich ist, dass er sich an meine Finger schmiegt und jetzt dringt auch der leckere Geruch sich mir auf. Die Beine ausstreckend schließe ich die Augen, während ich den Käse im Börek schmecke. Der Besuchstag ist vorbei.

Iyi geceler und gute Nacht!

 

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Neben Ayran und Raki, ein weiteres Nationalgetränk der Türken: Der Cay

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