Aufsichtsperson

Pünktlich im Prüfungsraum. Etwa 20 Studenten werden heute eine Prüfung ablegen. Zwei Stunden bin ich in diesem Raum.

Ein Brummen ist zu vernehmen. Einige Röhren in der Decke flackern. Neumodische Anordnung. Sehr viele Röhren. Grell.

Kreide in der Hand. Staubt nicht. Wohl neuartig. Fühlt sich immer noch unangenehm glatt an. Informationen stehen jetzt an der Tafel.

Die Prüfungen werden ausgeteilt.

Manche starren in die Blätter.Ich habe sie alle vor mir. Blickkontakt. Manchmal kreuzen sich ihre Blicke mit meinem, um dann sofort wieder zu kuschen.

Später schauen sie, um Augenkontakt zu vermeiden, beim Heben des Kopfes die leere Wand an.

Ich fülle den Namen und die Matrikelnummer in der Anwesenheitsliste aus und lasse sie mit einer Forderung unterschreiben. Almans, Kanacks und Arabs. Nur Männer vor mir

Der eine hält die Stirn, der andere klebt mit der Stirn fast auf den Blättern.

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Mein Husten unterbricht die Stille. Unangenehm.

Stille hat Priorität.

Immer wieder ist Papierrauschen zu hören.

Der Arm eines Studenten streckt sich. Eine Frage. Wir tauschen Blicke mit dem anderen Aufseher. Ich kommuniziere durch Mimik, dass ich hingehe.

Ein Kanack. Er spricht schlecht Deutsch. Versteht die Frage nicht. Mir fällt sein großer Ohrring auf. Ich helfe bei der sprachlichen Barriere ohne den Inhalt der Fragestellung zu berühren.

Auf dem Rückweg frägt mich ein Alman, ob er die englischen Fragen auch auf Deutsch beantworten kann. Ja!

Ich setze mich wieder hin und sehe wie Almans aus ihren hässlichen Wanderflaschen trinken. Mir gefallen die Dinger nicht. Kanacks trinken nie aus Wanderflaschen. Sie haben Durstlöscher von Tetra Pak bei sich.

Einen beim Popeln erwischt. Übergang des Popelfingers hin zum Bart. Dieser wird jetzt theatralisch gestreichelt. Er beobachtet mich aus dem Augenwinkel.

Ich bewege mich durch den Raum, bin aber vorsichtig, dass nicht zu viel Lärm dabei entsteht.

Stille hat Priorität.

Ganz dicht hinter einem will ich auch nicht stehen. Ich kenne das aus eigenen Studiumszeiten. Es ist störend. Sie schielen auf mich. Ich erkenne, dass sie in mir die Erweiterung der Machtinstanz Universität sehen, dementsprechend verhalte ich mich in der Rolle als Prüfungsaufseher. Seriös. Autoritär. Selbst das zustimmende Lächeln trägt das Machtgefälle in sich.

Langeweile. Blick auf die Uhr. Vorstellung, wie ich mich als Dozent machen würde.

Es tut gut für das angeschlagene Selbstbewusstsein. Ich merke, dass ich in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit und die Fokussierung stückweit zurück erlangt habe. Freude breitet sich in mir aus.

Die Zeit ist vorbei. Einsammeln. Manche bitten noch um eine Minute, während andere mir die Prüfung entgegenstrecken.

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Traurig, dass diese Zeit mit den Studenten ein für alle Mal vorbei ist.

Die Prüfungen sicher bunkern und Fertig.

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